Recruiter-Wissen

Initiativbewerbung: das Anschreiben braucht einen Anlass, keinen Wunsch

Eine Initiativbewerbung ohne Anlass ist eine Rundmail. Sie landet im Postfach der Personalabteilung, wird abgelegt und niemand meldet sich.

Der Unterschied zur ausgeschriebenen Stelle ist nicht, dass du dich anstrengen musst. Er ist strukturell: bei einer Anzeige liefert das Unternehmen den Anlass, bei einer Initiativbewerbung musst du ihn liefern. Und zwar in den ersten zwei Sätzen, sonst liest niemand weiter.

Ein Anlass ist etwas, das gerade passiert. Eine Standorterweiterung, ein neues Werk, ein Zukauf, eine Produktlinie, eine Investition, ein Wachstumsschritt, eine Personalie. Kein Anlass ist: dass dir das Unternehmen gut gefällt.

Wo du den Anlass findest

Firmenwebsite unter Presse oder Neuigkeiten. Lokale Wirtschaftsseiten, gerade im Mittelstand. Branchenmedien. Der Karrierebereich, wenn dort auffällig viele Stellen einer Sorte ausgeschrieben sind. Handelsregisterbekanntmachungen bei Zukäufen. Messeauftritte und Produktankündigungen.

Vorher und Nachher

Der Text belegt, dass jemand hingeschaut hat, benennt ein Problem, das mit dem Anlass entsteht, und stellt sich als Antwort darauf hin. Das ist keine Bewerbung um irgendeine Stelle, sondern ein Vorschlag.

Vorher

Ihr Unternehmen hat mich durch seine innovative Ausrichtung und die spannenden Produkte überzeugt. Gerne würde ich meine Erfahrungen einbringen und bewerbe mich daher initiativ bei Ihnen.

Streich den Firmennamen und schick es woanders hin. Es fällt nicht auf. Genau das ist das Urteil.

Nachher

Sie haben im Mai die zweite Fertigungshalle in Betrieb genommen und suchen seitdem in drei Ausschreibungen Fachkräfte für die Montage. Wenn eine Linie hochgefahren wird, fehlt erfahrungsgemäß nicht nur Personal an der Maschine, sondern jemand, der die Anlaufkurve steuert. Genau das habe ich bei der Inbetriebnahme in Osnabrück zwei Jahre lang gemacht.

Wichtig: Das funktioniert nur mit deinem eigenen recherchierten Anlass. Ohne echte Recherche wird daraus eine Behauptung, die beim ersten Rückruf zerfällt.

An wen du schreibst

Nicht an „Sehr geehrte Damen und Herren". Bei einer Initiativbewerbung ist der Adressat Teil der Leistung.

Im Mittelstand ist der richtige Empfänger fast immer der Fachbereich, nicht die Personalabteilung: Produktionsleitung, Vertriebsleitung, Technische Leitung, bei kleineren Firmen die Geschäftsführung selbst. Diese Leute wissen, wo es klemmt, und sie können eine Stelle schaffen. Die Personalabteilung kann nur einsortieren.

Namen findest du im Impressum, auf der Team-Seite, in Pressemitteilungen, in Messeberichten. Wenn du keinen findest, ruf an und frag nach dem richtigen Ansprechpartner. Das ist der kürzeste Weg und funktioniert öfter, als die meisten glauben.

Was in die Initiativbewerbung gehört und was nicht

Hinein gehört: der Anlass, das Problem, das damit entsteht, dein konkreter Beitrag mit einem Beleg, ein realistischer Einstiegszeitpunkt und eine klare Bitte um ein Gespräch.

Nicht hinein gehört: die Aufzählung deines gesamten Werdegangs, allgemeines Lob über das Unternehmen, die Formulierung „falls Sie Bedarf haben", und jede Form von Unverbindlichkeit. Wer sich selbst nicht festlegt, bekommt keine Antwort.

Ohne Anzeige fehlt der Abgleich, deshalb fragt der Applicant Cover Letter nach

Bei einer ausgeschriebenen Stelle liefert die Anzeige die Anforderungen, gegen die du deine Erfahrung stellst. Bei einer Initiativbewerbung fehlt dieser Bezugspunkt, deshalb kommt es umso mehr darauf an, dass jemand die richtigen Fragen stellt. So sah das in einem Testlauf aus:

Für die Initiativbewerbung kannst du statt der Anzeige die Beschreibung der Aufgabe einsetzen, die du dir vorstellst. Der Mechanismus bleibt derselbe: gefragt wird nach dem, was in keinem Dokument steht.

In der Stellenanzeige wird die Führung von 45 Mitarbeitenden im Drei-Schicht-Betrieb gefordert. Du hast bei Hansa Wellpappe GmbH 32 Mitarbeitende in zwei Schichten geführt und bei Norddeutsche Kartonagen AG 14 Mitarbeitende im Drei-Schicht-Betrieb. Beschreibe bitte, wie du dich auf die Führung eines größeren Teams im Drei-Schicht-Betrieb vorbereiten würdest.

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Wenn niemand antwortet

Nachfassen nach zehn bis vierzehn Tagen, telefonisch, kurz. Das ist bei Initiativbewerbungen üblich und wird selten als aufdringlich empfunden.

Kommt trotzdem nichts, liegt es meistens nicht am Anschreiben, sondern daran, dass niemand in dreißig Sekunden erkennen konnte, wo du konkret hineinpasst. Der Applicant Talent Report macht genau das sichtbar und ist bei Initiativbewerbungen besonders wirksam, weil er den fehlenden Abgleich mit einer Stellenanzeige ersetzt.

Zwanzig Minuten Recherche pro Unternehmen

Zwanzig Minuten Recherche pro Unternehmen. Weniger geht nicht, mehr braucht es selten. Und wenn du nach zwanzig Minuten keinen Anlass findest, ist das Unternehmen wahrscheinlich nicht das richtige für eine Initiativbewerbung.

Der Prüfsatz

Könnte ich diesen Satz im Vorstellungsgespräch spontan sagen und zwei Minuten lang mit Beispielen füllen? Bei einer Initiativbewerbung kommt die Prüfung oft schon am Telefon, und zwar sofort. Wer den Anlass nur abgeschrieben hat, merkt das in der ersten Rückfrage.

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Häufig gestellte Fragen

Wie lang darf eine Initiativbewerbung sein?
Kürzer als eine normale Bewerbung. Eine halbe bis dreiviertel Seite, weil niemand einen Auftrag zum Lesen hat.
Soll ich Zeugnisse mitschicken?
Lebenslauf ja, Zeugnisse auf Anfrage. Ein schweres Paket ohne Anlass wird nicht geöffnet.
Ist eine Initiativbewerbung per E-Mail in Ordnung?
Ja, das ist der Normalfall. Betreffzeile konkret, nicht „Initiativbewerbung".
Wann ist der beste Zeitpunkt?
Kurz nach dem Anlass, den du gefunden hast. Der Zusammenhang ist dann für den Leser offensichtlich.
Was, wenn ich keinen Ansprechpartner finde?
Anrufen und fragen. Wer den Namen nicht herausfindet, wird auch später keine Türen öffnen.
Lohnen sich Initiativbewerbungen überhaupt?
Im Mittelstand ja, überdurchschnittlich. Viele Positionen werden dort besetzt, bevor sie ausgeschrieben werden. Ohne Anlass und ohne Adressaten lohnen sie sich allerdings nicht.